|
Freitag, 16. Januar 2009
Auf
dem Campo wacht man mit den ersten Sonnenstrahlen auf. Geweckt werden
wir nicht durch den Ruf des Hahns, sondern durch das Geschnatter der Gänse,
die direkt neben unserem Bett ein wenig weiden. Etwas weiter weg auf der
Wiese hat sich eine Gruppe Schafe versammelt, die später an einen
sicheren Ort getrieben werden.
Das
Feuer hat noch genug Glut, damit wir unseren Wasserkessel hinein stellen
können, denn auf Kaffee zum Frühstück möchten wir nicht verzichten.
Auf meinem Spickzettel hatte ich die Startzeit aufgeschrieben, aber ein
Blick mit dem Handy-Telefon ins Internet zeigt, dass die Strecke wegen
der angeschwollenen Flüsse verkürzt und der Startpunkt verschoben
wurde. Die Verbindungsstrecke wurde verlängert. Wir denken gleich an
all die Fans, die an der nun ausgelassenen Strecke vergebens auf die
Fahrzeuge warten.
Aus
einem kleinen Radio wird diese Änderung von einem Lokalsender ausführlich
kommentiert. Nur über die Startzeit gibt es wilde Gerüchte. Da wir die
Strecke kennen, können wir ungefähr ausrechnen, wann der Erste an uns
vorbeifährt. Nun steigen die Wetten, wer wohl der Erste sein wird. Für
mich steht fest: Ich setze auf Cyril Depres mit der Nummer 1.
Der
erste Helikopter wird gesichtet. Dann die ersten beiden Flugzeuge. Es
geht los. Unsere Nachbarn ziehen aus mit einer riesigen Landesfahne, Kühlboxen,
Stühlen Kind und Kegel. Wir beschliessen direkt beim Eingangstor zu
bleiben, weil dort ein kleiner Sprung ist.
Ein
wildes Jubeln und ein Donnergrollen kündet die erste Maschine an. Ich
kann es nicht glauben, als ich die Nummer 1 auf dem Motorrad sehe. Keine
drei Meter von mir entfernt nimmt Cyril Depres mit angehobenem Vorderrad
den kleinen Sprung. Lange kann ich dieses Gefühl nicht auskosten, denn
ein paar Sekunden später preschen die Verfolger Marco Coma und David
Casteu vorbei. Es geht Schlag auf Schlag. Bruno fotografiert, staunt und
jubelt genau wie alle anderen. Ein paar Piloten haben sogar Zeit, die
Hand vom Lenker zu nehmen für einen kurzen Gruss.
Philippe
Cottet, Jean-Luc Fonjallaz und Robert Knecht waren die verbliebenen
Schweizer Motorradfahrer. Wir sind ausgerüstet mit einem roten T-Shirt
mit Schweizer-Kreuz, um den Helden, die sich bis hierher durchgekämpft
haben, ihre Landesfahne zu schwenken. Als Erstes kommt Philippe. Er
schaut, winkt und dreht sich nochmals erstaunt herum, um den Gruss zu
wiederholen. Wir wünschen ihm einen starken Rückenwind und viel Glück.
Eine
grössere Staubwolke als gewöhnlich kündet an, nun kommen meine wahren
Helden. Die Quadfahrer. Es sind noch 12 Fahrer und 2 Fahrerinnen im
Rennen. Mein Favorit ist der Argentinier Marco Patronelli, der mit
seiner Can-Am Renegade unterwegs ist. Aber als Erstes kommt eine Suzuki
um die Kurve geschlittert. Avendano wird verfolgt von Machacek. Wir
schwenken unser T-Shirt und werden von den Piloten zurückgegrüsst.
Jetzt
ist das Feld schon gemischt mit Motorrädern und Quads. Sogar Elisabeth
Kraft mit ihrer Polaris können wir live an uns vorbeifahren sehen. Aber
die KTM von der Italienerin Camelia Liparoti fehlt. Sie musste an diesem
Tag das Handtuch werfen.
Inmitten
von diesem Trubel hören wir, wie ausserhalb von unserem Sichtfeld ein
Motor ausgeht. Und nun kommen die argentinischen Zuschauer zum Zug.
Unser Zeltnachbar rennt an uns vorbei. Er braucht einen 14er Gabelschlüssel.
Er ist nicht nur Mechaniker, sondern wurde von seinem Vater zum
Englischunterricht gezwungen. So kann er sich mit dem türkischen Fahrer
verständigen. Nummer 123 kommt um die Kurve gedonnert und dreht um.
Robert van Olst umarmt seinen havarierten Kollegen und fährt dann
weiter. Das ist die Solidarität unter den Fahrern, wie sie oft an der
Dakar-Rallye geschildert wird.
Der
nächste Akt der Solidarität kommt um die Ecke gefahren. Der Chilene
„Chaleco“ Lopez wird von einem anderen Kollegen am Seil über die
Strecke gezogen, weil sein Motor den Geist aufgegeben hat. Wir klatschen
beiden Beifall. „Chaleco“ Lopez musste dann ein paar Kilometer
weiter von unserem Standort den hässlichen roten Knopf drücken, mit
dem er die Aufgabe an die Rennleitung bestätigt. Was wir erst später
erfahren haben, er hat sich mit dem Vorderrad immer wieder im
Abschleppseil verheddert und ist mehrmals gestürzt. Er konnte nicht
mehr, hatte jede Chance auf das Podest verloren und entschied sich,
aufzugeben.
Wir
warten immer noch auf Marco Patronelli. Es wurde inzwischen kommentiert,
dass er sich vernavigiert hat. Das stimmt so nicht ganz. Er hatte einen
Plattfuss und musste ein Rad wechseln. Er konnte nur noch gewinnen, wenn
sein grösster Konkurrent Machacek ausfällt. Eine weitere grössere
Staubwolke kündet an, dass nun etwas Gelbes um die Ecken kommen muss.
Der Jubel weiter vorne stehender Zuschauer zeigt an, dass der
Nationalheld mit dem Quad kommt. Für mich ist es wirklich erstaunlich
zu sehen, wie locker der Typ auf seiner Renegade hockt. Macht irgendwie
den Eindruck, als ob er spazieren fährt. Ich schreie ihm zu „DALE“
(mach schon!) Aber der Typ hebt die Hand zum Gruss und betätigt die
Pumpe an seinem Camelbak um einen Schluck zu trinken. Das sind eben die
Nerven, die man haben muss, um mit einem Quad an der Dakar teilzunehmen.
In den Interviews am Fernsehen hat er öfter mal gesagt, dass er
eigentlich ein wenig schneller fahren könnte. Er wollte sein Material
nicht überbeanspruchen oder er sah, wie andere sich mit den Autos überschlugen,
also habe er ein wenig Gas zurückgenommen. Vorne an seinem Quad kann
man sehen, dass er noch einen Reserve-Antriebsriemen hat. Er hatte nie
ein einziges technisches Problem mit seiner Renegade, ausser ein paar
Reifenschäden.
Inzwischen
kehrt wieder Stille ein. Weiter im Tal unten sehen wir einen Helikopter
fliegen. Wo sind die Autos? Der Magen knurrt. Es ist Zeit, um schnell an
den Grill zu gehen und sich ein saftiges Stück Fleisch in den Mund zu
schieben.
Nach
zehn Minuten flitzen die VW Touaregs im Formationsflug an uns vorbei.
Angeführt vom Team De Villier / Zitzewitz. Wir haben den beiden schon
seit Tagen die Daumen gedrückt, weil wir Dirk von Zitzewitz an einem
Vortrag in der Schweiz persönlich getroffen haben. Schon vor zwei
Jahren gab es das Gerücht, dass die Dakar nach Argentinien kommen
sollte. Und nun fahren die beiden quasi vor unserer Haustüre vorbei.
Der
Hummer von Roby Gordon nimmt „unsere“ Kurve auf zwei Rädern. Das
Gejubel der Zuschauer ist lauter als das Gedröhne des Motors. Der
Mitsubishi von Nani Roma wird ein wenig leiser bejubelt. Dann schwenken
wir unser T-Shirt für einen Nissan, haben ja selber einen in der
Schweiz.
Wir
vergessen die brennende Sonne, die Hitze, den Staub, und ich bin auch
noch stolz auf den Dreck auf meinem Dakar-T-Shirt. Als ich es vor zwei
Jahren geschenkt bekommen habe, hätte ich mir nie erträumen können,
dass ich es mal an einer Etappe tragen würde.
Nun
sind die Trucks im Anrollen. Wir wechseln unseren Standort, weil wir
mitbekommen haben, dass ein Auto irgendwo in der Nähe stecken geblieben
ist. Alexej Berkut und Anton Nikolaev liegen unter dem aufgebockten
Mitsubishi Pajero. Zum Glück verstehen wir kein Russisch, denn die
beiden unterhalten sich ein wenig bösartig.
Die
Trucks donnern vorbei und die beiden Russen bringen das Auto wieder in
Gang, müssen sich aber jetzt in die Kolonne der wilden Bestien
einreihen. Inzwischen ist unsere Kurve ein wenig abgeändert. Es haben
sich grosse Gräben gebildet, knietief. Wir haben uns in der Innenseite
der Kurve aufgestellt und fordern zusammen mit anderen Zuschauern jede
Truckcrew auf, mit dem Horn uns zu grüssen. Die eine oder andere Hand
kommt winkend aus dem Beifahrerfenster. Nur die Japaner haben keine
Zeit, sondern schauen wahrlich verbissen auf die Strecke.
Der
Versorgungstruck der Nissan hält direkt auf der gegenüberliegenden
Strassenseite und informiert die Polizisten darüber, dass sich ein Auto
überschlagen hätte. Man müsse die Nummernschilder bergen lassen. Ich
frage mich nur, wie der mit dem Truck von der hohen Strassenböschung
wieder runterkommt. Mit unserem Ranger wäre das schon ein Problem. Ich
lerne dazu: Man fährt die Böschung einfach platt. Es wird langsam
dunkel und es kündigt sich an, dass das Schauspiel zu Ende geht. Wir möchten
uns noch heute auf den Heimweg machen. Es sind etwa 40 Kilometer zurück
zur asphaltierten Hauptstrasse, die uns dann noch 18 Kilometer nach La
Cumbre bringt.
Die
Polizei gibt die Strasse frei und wir fahren vorsichtig los. Wenn wir an
unsere Kurve denken, können wir uns vorstellen, wie andere Stellen
aussehen werden. Den Besenwagen habe ich nicht gesehen und bin ein wenig
traurig. Schliesslich gehört der dazu, wenn man schon einmal an einer
Dakar live dabei ist. Die stockdunkle Nacht wird vor uns plötzlich
taghell. Ein Truck!!!!! Auf der schmalen Strasse kann man nicht mal anständig
mit einem Auto kreuzen. Und jetzt? Wir fahren den Ranger so weit wie möglich
ins Gebüsch, atmen tief ein und der Truck passiert uns hupend.
Vorsichtig geht es weiter.
Inzwischen
fahren wir in einem Konvoi von Zuschauerautos. Nach einer Rechtskurve
sehen wir dann ein kolossales Hindernis. Der Besenwagen! Er leuchtet uns
den Weg aus, wo wir ihn kreuzen können. Ich hätte niemals im Leben
gedacht, dass man an dieser Stelle irgendetwas kreuzen kann. Wir jubeln
beide im Auto. Die Dakar ist standesgemäss beendet. Wir haben den
Besenwagen noch gesehen.
Das
war noch nicht ganz der Abschluss. An einer breiteren Stelle überholen
wir den Pechvogel des Überschlags, der von einem weiteren Truck
abgeschleppt wird.
Als
wir um Mitternacht in unser Dorf einfahren, werden wir von unseren
Freunden gesichtet und empfangen. Wir sind zwar ein wenig müde, total
verdreckt aber voller Stolz auf jedes Foto, jedes Staubkorn und können
im ersten Moment gar nicht beschreiben, was das für ein tolles Erlebnis
war.
Und
nun satteln wir wieder unser Motorrad und unser Quad und fahren gemütlich
unsere privaten Rallyes, reparieren unsere eigenen Reifenschäden und
lassen uns Benzin und Verpflegung an verschiedene Orte im Outback
bringen.
Hasta
luego, historia!
|